Erntedank

Liebe Pfarrgemeinde,
 
mir sind bei meiner Tätigkeit als Pfarrer immer wieder Eltern begegnet, die meinten, sie könnten ihre Kinder glücklicher machen, wenn sie ihnen möglichst viele Wünsche erfüllten.

Ihnen habe ich dann immer das Märchen von dem Kind mit den großen Händen erzählt.

Dank des Fleißes des Vaters und der Opferbereitschaft der Mutter hatten sie es zu Reichtum gebracht. Davon gaben sie nun ihrem Kind, wann immer es einen Wunsch äußerte. Sie wollten ihr Kind wirklich glücklich machen. Und das Kind hatte viele und immer neue Wünsche. Die Eltern kauften das Gewünschte.

Das Kind wurde größer, aber schneller als seine Gestalt wuchsen seine Hände. Das Kind schämte sich schließlich seiner großen Hände wegen. Kein Arzt konnte dem Kind helfen, dass seine Hände wieder normal wurden. Da hörten sie von einem alten, weisen Mann. Der dachte lange darüber nach, und schließlich gab er den Eltern einen Rat: Euer Kind hat etwas sehr Wesentliches nicht gelernt, und zwar das Geben. Es hat immer nur genommen. In dem Maß, wie euer Kind lernt zu geben, werden seine Hände seine Unförmigkeit verlieren.

Dieses Immer-mehr-haben-Wollen gibt es natürlich auch bei Erwachsenen: das Auto ist nicht mehr groß und schnell genug; die Möbel in der Wohnung sind nicht mehr modern. Und erst, wenn du ein großes Auto, ein hohes Bankkonto, eine wunderbar eingerichtete Wohnung hast, dann bist du wer. Das Märchen sagt: Diese Einstellung macht die Menschen krank.

Diese Geschichte möchte uns nachdenklich machen.

Genauso nachdenklich möchte uns auch Jesus mit seinem Gleichnis vom reichen Kornbauern machen. Statt Gott zu danken für die ungewöhnlich reiche Ernte, einen Teil weiterzuschenken an Arme, ist der Kornbauer wie besessen von seinem Besitz. Er baut größere Scheunen und hofft, gute Geschäfte machen zu können. Gott sagt nur: Du Narr, noch in dieser Nacht wirst du sterben. Was hast du dann von deinem Besitz? Ein teurer Sarg und viele Kränze auf dem Grab, die nützen dir dann nichts mehr.

Vor Gott zählt etwas ganz anderes als Besitz und Reichtum.

Es kommt darauf an, nicht nur auf Erden, sondern vor Gott reich zu sein. Und es gibt keine schönerer Aufgabe für Hände als diese: zu geben. Reich ist der Mensch nicht durch das, was er besitzt, sondern durch das, was er gibt (Ghandhi). Keiner kann etwas mitnehmen, aber jeder kann etwas vorausschicken, so sagt ein Sprichwort.
 
Ihr Pfarrer Bobras